Blähungen kurz nach dem Essen, ein anhaltend aufgeblähter Bauch, Durchfall oder Verstopfung die sich abwechseln und Laborbefunde die unauffällig bleiben. Viele Menschen mit diesen Beschwerden kennen das Gefühl, keine befriedigende Antwort zu bekommen.
Eine häufig übersehene Ursache ist SIBO. Die Abkürzung steht für Small Intestinal Bacterial Overgrowth, auf Deutsch Dünndarmfehlbesiedlung. In der Funktionellen Medizin begegnet uns SIBO regelmäßig, oft als Hintergrund eines vermeintlichen Reizdarms oder chronischer Verdauungsbeschwerden.
Im gesunden Darm herrscht eine klare räumliche Aufteilung: Der Dünndarm ist nahezu keimarm, während der Dickdarm stark besiedelt ist mit Milliarden von Bakterien. Diese Trennung ist entscheidend, denn im Dünndarm findet die Verdauung und Nährstoffaufnahme statt.
Bei SIBO gerät dieses Gleichgewicht aus der Balance. Bakterien, die eigentlich in den Dickdarm gehören, siedeln sich im Dünndarm an und stören dort die Verdauungsprozesse. In der Folge finden Gärungs- und Fermentationsprozesse am falschen Ort statt, es entstehen Gase, die Darmschleimhaut kann sich entzünden und die Nährstoffaufnahme leidet.
Studien zeigen, dass SIBO bei Menschen mit Reizdarmsyndrom sehr häufig vorkommt. Eine systematische Übersichtsarbeit aus dem American Journal of Gastroenterology schätzt die Prävalenz mit dem Laktulose-Atemtest auf rund 49 Prozent (Ford et al., 2022). Bei vielen PatientInnen bleibt die Diagnose dennoch jahrelang aus.
Die Symptome einer Dünndarmfehlbesiedlung sind vielfältig und überschneiden sich häufig mit anderen Beschwerdebildern. Typisch können sein: Blähungen und ein aufgeblähter Bauch, der oft innerhalb der ersten Stunde nach dem Essen auftritt, sowie Bauchschmerzen, Krämpfe oder Druckgefühl. Durchfall, Verstopfung oder ein Wechsel zwischen beidem sind ebenfalls häufig. Viele Betroffene berichten zudem von Übelkeit und Völlegefühl nach dem Essen, Nahrungsmittelunverträglichkeiten besonders gegenüber FODMAP-reichen Lebensmitteln, Müdigkeit und Konzentrationsschwierigkeiten sowie Nährstoffmängeln, insbesondere Vitamin B12, Eisen und fettlösliche Vitamine (Takakura & Pimentel, 2020).
Wichtig: Diese Symptome können viele Ursachen haben. Eine Diagnose kann nur durch eine gezielte Untersuchung gestellt werden.
Der Körper verfügt über mehrere Schutzmechanismen, die verhindern sollen, dass sich Bakterien im Dünndarm ansiedeln: die Magensäure, die Darmmotilität sowie die Ileozökalklappe zwischen Dünn- und Dickdarm. Wenn diese Schutzmechanismen geschwächt sind, kann SIBO entstehen.
Mögliche Auslöser können die Einnahme von Protonenpumpenhemmern sein, aber auch zurückliegende Antibiotikatherapien, chirurgische Eingriffe im Bauchbereich, chronischer Stress, Hashimoto oder andere Schilddrüsenerkrankungen sowie Diabetes mellitus. Die ACG Clinical Guidelines zu SIBO betonen, dass eine genaue Abklärung der Ursache entscheidend ist, um Rückfälle nach erfolgreicher Behandlung zu vermeiden (Pimentel et al., 2020).
Nicht alle Dünndarmfehlbesiedlungen sind gleich. Je nachdem, welche Bakterien oder Archaeen beteiligt sind, unterscheidet man drei Typen mit jeweils unterschiedlichen Symptomen und Therapieansätzen.
Wasserstoff-SIBO (H2-SIBO) ist der häufigste Typ. Bakterien produzieren Wasserstoff als Stoffwechselprodukt. Typische Symptome sind Blähungen, Durchfall und Bauchschmerzen. Im Atemtest zeigt sich ein früher Anstieg der Wasserstoffkonzentration.
Methan-SIBO (IMO) steht für Intestinal Methanogen Overgrowth. Hier sind methanproduzierende Archaeen beteiligt, insbesondere Methanobrevibacter smithii. Methan verlangsamt die Darmbewegung, weshalb bei diesem Typ Verstopfung im Vordergrund steht, oft kombiniert mit einem stark aufgeblähten Bauch. Studien zeigen, dass IMO bei Verstopfungs-dominantem Reizdarmsyndrom signifikant häufiger vorkommt als beim Durchfall-Typ (Cen et al., 2021).
Schwefelwasserstoff-SIBO (H2S-SIBO) ist der am schwierigsten nachzuweisende Typ, da H2S im Atemtest nicht direkt gemessen werden kann. Hinweise können chronischer Durchfall und Bauchschmerzen sein. Eine Mikrobiomanalyse kann hier zusätzliche Klarheit schaffen.
Die Unterscheidung der SIBO-Typen ist klinisch relevant, da sich die Behandlungsstrategien voneinander unterscheiden. Eine sorgfältige Diagnostik vor Therapiebeginn ist deshalb entscheidend.
Der Goldstandard in der Diagnostik ist der Wasserstoff-Atemtest, auch H2-Atemgasanalyse genannt. Dabei nimmt die PatientIn nüchtern eine Laktuloselösung zu sich, und die ausgeatmete Luft wird in regelmäßigen Abständen auf Wasserstoff- und Methankonzentrationen untersucht.
Bakterien im Dünndarm vergären die Laktulose und produzieren dabei Gase, die in die Blutbahn übergehen und über die Lunge abgeatmet werden. Ein früher Anstieg der Gaswerte im Atemtest kann auf eine Dünndarmfehlbesiedlung hinweisen. Der nordamerikanische Konsensus für Atemtests in Verdauungserkrankungen empfiehlt sowohl die Messung von Wasserstoff als auch von Methan, um alle SIBO-Typen zuverlässig erfassen zu können (Rezaie et al., 2017).
Zusätzlich zum Atemtest nutzen wir in unserer Darmsprechstunde eine erweiterte Anamnese sowie bei Bedarf eine Mikrobiomanalyse, um ein vollständiges Bild der Darmgesundheit zu erhalten.
Ernährung ist ein zentraler Baustein in der SIBO-Behandlung, sowohl zur Linderung der akuten Symptome als auch zur Unterstützung der Therapie. Welcher Ansatz sinnvoll ist, hängt vom SIBO-Typ und dem individuellen Beschwerdebild ab.
Die Low-FODMAP-Diät reduziert vergärbare Kohlenhydrate, die Darmbakterien als Nahrungsquelle nutzen. Sie kann Symptome wie Blähungen und Bauchschmerzen lindern, behandelt aber nicht die Ursache der Fehlbesiedlung.
Der von Dr. Allison Siebecker entwickelte SIBO Specific Food Guide kombiniert Low-FODMAP mit Elementen der spezifischen Kohlenhydratdiät. Er ist restriktiver, aber gezielter auf die Reduktion der Bakterienbelastung im Dünndarm ausgerichtet.
Die Bi-Phasic Diet verfolgt einen zweiphasigen Ansatz: Zunächst wird die Fehlbesiedlung reduziert, dann schrittweise der Darmaufbau unterstützt. Für viele PatientInnen ist dieser strukturierte Ansatz besonders hilfreich.
Wir besprechen in der Darmsprechstunde gemeinsam, welche Ernährungsstrategie für dich sinnvoll sein kann.
In der Funktionellen Medizin geht es nicht darum, SIBO isoliert zu behandeln, sondern zu verstehen, warum es entstanden ist, und die zugrunde liegenden Ursachen anzugehen.
Ein ganzheitlicher Behandlungsansatz kann pflanzliche antibakteriell wirkende Substanzen wie Oreganoöl, Berberin oder Allicin umfassen, die individuell auf den Typ der Fehlbesiedlung abgestimmt werden. Nach der Reduktion der Fehlbesiedlung geht es darum, ein gesundes Mikrobiom aufzubauen, durch gezielte Probiotika, Präbiotika und eine darmfreundliche Ernährung. Gleichzeitig werden begünstigende Faktoren wie Magensäuremangel, Schilddrüsenprobleme oder chronischer Stress adressiert. Nur wenn diese Ursachen mitbehandelt werden, lässt sich ein Rückfall langfristig vermeiden.
SIBO und Reizdarmsyndrom schließen sich nicht aus. SIBO kann eine wesentliche Ursache eines Reizdarms sein, beide Zustände können aber auch gleichzeitig vorliegen. Pimentel et al. konnten bereits 2003 zeigen, dass die Normalisierung des Laktulose-Atemtests mit einer signifikanten Verbesserung der Reizdarm-Symptome einherging (Pimentel, Chow & Lin, 2003). Deshalb ist eine sorgfältige Diagnostik so wichtig: Erst wenn klar ist, womit es die PatientIn tatsächlich zu tun hat, kann eine zielgerichtete Therapie begonnen werden.
Viele PatientInnen kommen mit einer bestehenden Reizdarm-Diagnose in unsere Praxis und stellen nach einer gezielten Diagnostik fest, dass SIBO eine wesentliche Rolle spielt.
Wenn du dich in den beschriebenen Symptomen wiedererkennst und bisherige Behandlungen keine befriedigende Antwort geliefert haben, kann eine gezielte Diagnostik auf SIBO sinnvoll sein. Das gilt auch, wenn du bereits eine Reizdarm-Diagnose hast.
In unserer Darmsprechstunde in Berlin Mitte nehmen wir uns 60 bis 90 Minuten Zeit für deine vollständige Anamnese, besprechen geeignete Diagnostik und entwickeln gemeinsam einen individuellen Behandlungsplan. Die Sprechstunde ist auch online möglich.
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Cen, L. et al. (2021). Methane positive small intestinal bacterial overgrowth in inflammatory bowel disease and irritable bowel syndrome: A systematic review and meta-analysis. PLOS ONE.
Ford, A.C. et al. (2022). A systematic review and meta-analysis on the prevalence of non-malignant, organic gastrointestinal disorders misdiagnosed as irritable bowel syndrome. Scientific Reports.
Pimentel, M., Chow, E.J. & Lin, H.C. (2003). Normalization of lactulose breath testing correlates with symptom improvement in irritable bowel syndrome: A double-blind, randomized, placebo-controlled study. American Journal of Gastroenterology, 98(2), 412–419.
Pimentel, M., Saad, R.J., Long, M.D. & Rao, S.S.C. (2020). ACG Clinical Guideline: Small intestinal bacterial overgrowth. American Journal of Gastroenterology, 115, 165–178.
Rezaie, A. et al. (2017). Hydrogen and methane-based breath testing in gastrointestinal disorders: The North American Consensus. American Journal of Gastroenterology, 112, 775–784.
Takakura, W. & Pimentel, M. (2020). Small intestinal bacterial overgrowth and irritable bowel syndrome: An update. Frontiers in Psychiatry, 11, 664.
SIBO kann erfolgreich behandelt werden. Entscheidend ist, die auslösenden Faktoren zu kennen und anzugehen, da sonst ein erhöhtes Rückfallrisiko besteht. Mit einem individuell abgestimmten Konzept sind dauerhafte Verbesserungen gut möglich.
Es gibt Heimtests für den Atemgastest. Für eine verlässliche Interpretation der Ergebnisse und eine darauf aufbauende Behandlung empfehlen wir, den Test in Begleitung eines Therapeuten durchzuführen.
Das hängt vom Schweregrad der Fehlbesiedlung und den Ursachen ab. Erste Verbesserungen sind oft nach 4 bis 8 Wochen spürbar. Ein vollständiger Aufbau des Mikrobioms dauert in der Regel mehrere Monate.
SIBO-Diagnostik und ganzheitliche Behandlung sind Selbstzahlerleistungen. Gesetzliche Krankenkassen übernehmen diese Kosten in der Regel nicht. Private Krankenversicherungen erstatten je nach Tarif teilweise oder vollständig.